Focusing

eine psychotherapeutische Methode der achtsamen Selbsterforschung

Was ist Focusing?

Focusing stellt eine psychotherapeutische Methode des personzentrierten Ansatzes dar, die auch als kreativitätsförderndes Selbsthilfeverfahren sowie als Entscheidungshilfe im Coaching genutzt werden kann. Focusing hilft uns, mit seinen 6 Schritten (s. unten) elegant und direkt in Kontakt zu wesentlichen Erlebnisdimensionen zu kommen und psychische Blockierungen sowie körperliche Verspannungen zu lösen. Focusing ist ein ganzheitliches Verfahren, das uns hilft, unser vages unbewusstes Wissen zu essentiellen Themen zu nutzen und daraus explizite Erkenntnisse und stimmige Handlungsschritte abzuleiten. Das Erdmodelll (s. unten) des Focusing veranschaulicht diesen Prozess.

Anwendungsgebiete & Wirkungsweise

Im Zentrum steht das achtsame Wahrnehmen des sich spontan zu einem Thema in Bildern, Worten, Gefühlen, kreativen Impulsen oder Körpersensationen äußernden Resonanzerlebens. Wir kennen alle das Phänomen, dass wir plötzlich merken, da war noch etwas, was wir erledigen, tun oder mitteilen wollten. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das zunächst vage Gefühl, den „Felt Sense“ von dem Unerledigten richten, werden wir früher oder später das „Aha-Erlebnis“, im Focusing als „Felt Shift“ bezeichneten Zustand der Entspannung und der Energetisierung erleben. Wir wissen dann wieder, was wir noch erledigen wollten. Zugleich löst sich im Körper die zu dem Unerledigten gehörende Spannung. Das gilt ebenso für kleine, wie für große Themen.

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Wie läuft ein typischer Kurs/ Unterricht ab?

Die 6 Schritte des Focusing: Zunächst gilt es, einen ungestörten äußerlichen und einen förderlichen inneren Raum für die Kontaktaufnahme mit dem inneren Erleben zu schaffen. Dabei ist es hilfreich, zunächst den inneren Kritiker hinauszuschicken und alle belastenden Themen herauszustellen. Man kann sich vorstellen, wie man all die Probleme und ungelösten Themen in einen Koffer, eine Problembox oder einen Lagerraum stellt, um Zugang zu einem unbelasteten Erleben zu bekommen. Im entspannten Zustand wählt der Klient dann ein Thema, ein Problem oder eine Befindlichkeit von Interesse aus. Er fokussiert (daher Focusing) seine Aufmerksamkeit auf seine Körpermitte oder den Körperteil, dessen Signale er untersuchen möchte. Dann wartet er mit einer Haltung der Offenheit auf die sich einstellende Resonanz dazu. Das kann eine Körperempfindung, ein Wort, ein Satz, ein Bild, ein Klang, ein Bewegungsimpuls oder ein Erinnerungsfilm sein. Der Klient äußert gegenüber dem Therapeuten die gefundenen Symbolisierungen. Der Therapeut schwingt emotional mit und spiegelt das Erleben zurück, so dass der Klient die Symbolisierungen in sein Erleben hinein nehmen kann und damit einen Impuls für ein weiterführendes Resonanzerleben bekommt. Dieser Prozess der schrittweisen Symbolisierung hilft dem Klienten, nach und nach mehr vom impliziten Erleben des Themas ins explizite Bewusstsein zu bekommen. Mit jeder bedeutsamen Symbolisierung, auch „Felt Sense“ (gefühlte Bedeutung) genannt, geht eine körperliche Entspannung einher. Der Körper entlastet sich von den von ihm getragenen und eingekapselten Erlebnisinhalten. Zum Abschluss gilt es die vielleicht noch schwer verständlichen und bruchstückhaften Erkenntnisse vor dem inneren Kritiker zu schützen und als vorläufige Erkenntnisse festzuhalten. Da diese Erkenntnisse vielfach unsere Muster und Glaubenssätze sprengen, sind sie uns oft erst mit Abstand verständlich.

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Für wen ist Focusing geeignet, für wen nicht?

Focusing kann fast jeder lernen. Kontraindikationen bestehen bei psychotischen Erkrankungen und schweren Traumatisierungen. In diesen Fällen besteht die Gefahr, dass der Klient von belastenden Erlebnisinhalten überschwemmt wird.

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Häufige Fragen zum Focusing und ihre Antworten:

Zum Vergößern bitte auf die Grafik klicken.

Was ist das Erdmodell des Focusing? Im Erdmodell des Focusing finden wir im inneren Kreis das Implizite, das nicht entfaltete und unbewusste Wissen, das wir in uns tragen. Das explizite Bewusstsein, dargestellt durch die Erdoberfläche, stellt all unser Wissen dar, das wir in Worte fassen, mit Bildern darstellen oder als Klänge oder Bewegungs- und Körperempfindungen zum Ausdruck bringen können. Gendlin, der Begründer des Focusing, bezieht sich mit diesem Erdmodell auf das Modell vom Impliziten und Expliziten von David Bohm. Das Implizite umfasst auch unsere spirituellen Kraftquellen. Durch intensive Focusingprozesse können wir, ähnlich wie in der Meditation, in Kontakt kommen mit dem kosmischen Kraft- und Wissensreservoir.

Ist Focusing schwer zu praktizieren? Focusing ist leicht zu praktizieren, wenn wir guten Zugang zu unserem Erleben haben. In Focusing-Begleitprozessen zu kritischen und belastenden Erfahrungen stoßen wir oft auf Blockaden im Erlebensfluss, die durch unsere Ängste und begrenzenden Muster bedingt sind. Der Focusingprozess benötigt daher eine feine Balance von einfühlsamem Mitgehen und entschiedenem Lenken.

Wer sollte Focusing unterrichten? Eine Focusing-Therapeutin / ein Focusing-Therapeut sollte über eine Ausbildung in Focusing-Therapie mit entsprechender Selbsterfahrung verfügen sowie fundierte Kenntnisse in Psychodynamik, Psychodiagnostik und Krisenintervention haben.

Wie finde ich Focusing-Angebote? s. Links

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Zur Geschichte des Focusing:

Focusing wurde in den 60er Jahren von dem Psychotherapie- und Philosophieprofessor Eugene T. Gendlin, einem Schüler von Carl Rogers (dem Begründer der Klientenzentrierten Psychotherapie/personzentrierte Gesprächspsychotherapie) entwickelt. Er fand bei der Analyse von Psychotherapieprozessen charakteristische Merkmale erfolgreicher Psychotherapien. Er gliederte diesen Prozess in lern- und lehrbare Schritte und nannte das Verfahren Focusing.

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Literatur für AnwenderInnen:

  • Kersig, S. (2009): Entspannt und klar. Freiraum finden bei Stress und Belastung. München: Goldmann/Arkana
  • Gendlin, E. T. (1998): Focusing. Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme. Reinbek: Rowohlt
  • Gendlin, E. T. (1998): Dein Körper, dein Traumdeuter. Salzburg Müller
  • Weiser Cornell, A. (1999): Der Stimme des Körpers folgen. Anleitungen und Übungen zur Selbsterfahrung. Reinbek: Rowohlt

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Literatur für VermittlerInnen, TrainerInnen und DozentInnen/AusbilderInnen:

  • Gendlin, E. T. (1998): Focusing-orientierte Psychotherapie. Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. München: Pfeiffer
  • Gendlin, E. T.; Wiltschko, J. (2004): Focusing in der Praxis. Eine schulenübergreifende Methode für Psychotherapie und Alltag. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta
  • Klaus Renn (2006): Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Focusing - Weg der Achtsamkeit. Freiburg: Herder

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